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HOTTER FRAGT…TIM SCHNETGÖKE

Malzeit! Stell dich mal kurz vor.

Ich bin Tim. Ich fotografiere.

Wie kommt es, dass du Graffiti auf Zügen dokumentierst und was reizt dich daran?

In der Schule habe ich zu viel aus dem Fenster geschaut. Jeden Mittwoch kamen Dortmunder Züge durch die Kleinstadt in der ich damals an meinem Abitur gearbeitet habe. Pest, Sak, Rio und die ganzen anderen Leute. TRD, YCKB, TUF… Dortmund lag nicht auf der Strecke. Keine Ahnung, ob der Zug dann immer seltsam umgeleitet wurde, oder ob die Dortmunder einfach gerne in Rheine im Yard waren. Als ich mit 16 das erste Mal in England war habe ich mir dann Subway Art gekauft, Spraycan Art kam dann später dazu.

Seit wann bist du mit der Kamera unterwegs und was ist deine Verbindung zu Graffiti? 

Irgendwie schon immer aber erst seit etwa 15 Jahren mit einer gewissen Ernsthaftigkeit. Vor etwa zwanzig Jahren habe ich selbst gemalt, letztendlich aber nicht das nötige Durchhaltevermögen gehabt. So richtig wird man die Liebe zu Lack aber wohl nie los.

 

Kannst du dich noch an die erste bemalte Kiste erinnern, die du gesehen hast? 

Auf einen Namen kann ich mich nicht festlegen. Als erstes waren es auf jeden Fall die Dortmunder, dann war ich in Amsterdam als dort noch alles zerstört war und später haben mich HCT aus Hannover durch brutale Quantität beeindruckt. Die Dinger waren selten gut, dafür aber überall. Das war eine Zeit wo Leute noch oft über Panels von anderen gegangen sind weil auf dem Zug einfach kein Platz mehr war.  

Wie war das Gefühl, zum ersten Mal bemalten Stahl zu sehen?

Jetzt muss ich etwas abschweifen. Mir haben bunte Züge schon immer gefallen: Leute die Dinge einfach machen, keine Fragen stellen, sich nicht darum zu kümmern, was Kunstlehrer und Sozialarbeiter sagen. Meinen Kunstunterricht habe ich gehasst. Ich bin mir sicher, dass meine Lehrerin lieber Künstlerin gewesen wäre als ihre Zeit mit Schülern zu verschwenden. Ihr Urteil war immer sehr von ihrem persönlichen Geschmack geprägt; dabei sollte im Kunstunterricht der Mut zum Scheitern gelehrt werden: absolute Freiheit die meistens zu nichts führt, manchmal aber Großartiges hervorbringt.

Stattdessen gab es Regeln und Vorschriften während einem Künstler vorgestellt wurden, die ihren Status nicht durch das Einhalten von Regeln und Vorschriften erarbeitet hatten. Anfangs habe ich mich nur für Stylewriting interessiert. Das hat sich heute etwas verlagert. Ich feiere auch Leute wie Farao, Oker oder 10Foot die einfach durch konsequente Quantität auffallen. Die ganzen Pariser Streetbomber sind auch ziemlich krass. Das erfordert mehr Überzeugung, Arbeit und Wahnsinn als alle paar Wochen mal einen Zug zu malen oder gelegentlich mal an der Hall zu grillen und am Ende des Tages dann „noch nicht fertig!“ Neben das Piece zu schreiben. Alles hat seine Berechtigung und wenn die Leute nicht gerade Nachtfotos von Trashtrains als Hardcore Bombing ausgeben ist es für mich völlig okay. Für mich hat ein guter Maler immer gute Buchstaben. Das geht beim Tag los. Throwups, das ganze Programm.

Die Buchstaben müssen als Chrom Piece funktionieren. Das sehe ich immer seltener und mit vielen Sachen kann ich in Bezug auf Style wenig anfangen. Aber letztendlich ist das egal. Kein Maler schuldet mir etwas, niemand malt für mich. Selbst das schlechteste Panel ist nicht schlechter als die in und auf den Zügen angebrachte Werbung. Da fragt mich auch niemand ob ich sie sehen möchte. Solange es die gibt soll niemand sagen, dass Graffiti auf Zügen nichts zu suchen hat weil es ihm nicht gefällt. Man kann mit viel Geld All City gehen und sich die besten Spots kaufen um Leuten irgendwelchen Dreck zu verkaufen oder man kann mit viel Arbeit und ohne das Budget eines internationalen Konzerns All City gehen. Das gefällt mir.

Wie sieht für dich ein normaler Tag beim Spotten aus? Internet checken oder einfach auf die Jagd nach guten Fotos gehen? 

Oft schaue ich einfach auf Verdacht an Spots wo möglichst viele Linien fahren. Wenn es sich lohnt plane ich dann wo ich auf der Strecke das Foto aufnehmen möchte. 

 

 

Was nimmst du auf dich, um ein Foto zu bekommen? Kletterst du auf Dächer oder checkst du die Yards aus?

Ich mache dafür selten besonders spektakuläre Sachen. Man sieht immer mal wieder Sachen die irgendwo stehen. Was steht muss auch irgendwann rollen und im Idealfall passt man die Betriebsfahrt ab wenn etwas nicht in Traffic geht. Ansonsten eben Strecken abfahren und Spots suchen und ab und zu mal mit Sicherheitspersonal diskutieren.

Wie sieht für dich das perfekte Foto aus? Muss die Kiste über eine Brücke rollen und ist der Hintergrund ebenso wichtig wie das Panel an sich?

Brücken sind gut, offene Strecke ist gut, Architektur schadet nie. Kontext ist mir wichtig. Bei U-Bahnen ist es schwieriger über das rein dokumentarische hinwegzukommen, da geht es dann oft einfach nur darum, dass man ein Foto hat. 

Erzähl mal ein paar verrückte Geschichten die man beim Warten oder Auskundschaften so erlebt.

Man hat immer wieder Kontakt zu Menschen ohne Reiseabsicht. Im Idealfall sind es Maler die den gleichen Zug suchen und dann ist man mal ein paar Stunden mit Utah unterwegs, meistens sind es aber Junkies oder Dealer, ab und zu auch ganz normale Wahnsinnige, Leute die Gott gefunden haben oder die Geheimwissen über Gedankenkontrolle haben. Die Junkie Bahnhöfe sind meistens die besten Bahnhöfe um U-Bahnen zu fotografieren und wenn man dort zu lange verweilt fällt man auf und gelegentlich suchen die Leute das Gespräch um festzustellen ob man stört.

Vor ein paar Wochen habe ich früh am Morgen darauf gewartet, dass eine U-Bahn in Traffic geht und damit war eine Frau wohl etwas unzufrieden. Sie hat mich ständig mit inkohärentem Zeug angeschrien und ich habe dann irgendwann den Bahnhof gewechselt. Mit der nächsten Bahn kam sie dann auch und es ging weiter. Irgendwann ist verschwunden um wenig später mit einem langen Streifen Alufolie wieder aufzutauchen. Damit hat sie es sich dann in die Fotokabine auf dem Bahnsteig zurückgezogen. So richtig entspannt hat sie das leider nicht. Als sie fertig geraucht hatte, ging es mit dem Geschrei weiter und ich habe wieder den Bahnhof gewechselt. Mit der nächsten Bahn war sie dann auch wieder da. Zum Glück kam dann meine Bahn, ich habe meine Fotos gemacht und bin dann nach Hause gefahren. 

Welche Kamera und was für eine Ausrüstung nutzt du?

Was gerade da ist. Ich bin nicht besonders wählerisch. Kameras sind Werkzeuge und wenn man ihre Grenzen und Möglichkeiten kennt, kann man mit so ziemlich jeder Kamera gute Fotos machen.

Welche geheimen Schätze hast du für dich aufgehoben?

Ich teile gerne. Die meisten Sachen landen bei Instagram. Manche meiner Lieblingsfotos wirken allerdings auf kleine Displays nicht und die bewahre ich auf um sie irgendwann mal in größer an der Wand zu zeigen.

Stichwort Lieblingsfoto. Gibts da eins? Oder ein Foto, das eine spezielle Story hat?

Ich habe ein paar Porträts von Malern die ich mehr oder weniger zufällig am Bahnhof getroffen habe. Wobei Porträts natürlich nicht unproblematisch sind. Ich frage die Leute nicht nach ihren Namen und ich kann aus den üblichen Gründen keine Gesichter zeigen. 

Planst du noch etwas mit deinen Fotos oder ist es für dich reines Hobby?

Mein Ziel ist es gute Fotos von guten Pieces zu sammeln. Was dann irgendwann damit passiert wird sich zeigen. Die Fotos von Henry Chalfant und Martha Cooper sind mit der Zeit eher besser geworden. Ich kann mir die alten Fotos stundenlang anschauen. Die alten New Yorker Züge werden ihren Reiz nie verlieren. Vielleicht wird Berlin mit etwas Abstand ähnlich interessant.

 

 

Was würdest du gern noch vor die Linse bekommen?

Mehr Maler. Beruflich fotografiere ich hauptsächlich Porträts. Mich interessieren Menschen und ihre Geschichten. Ansonsten bin ich natürlich mehr U-Bahn Wholecars bei Tageslicht zu haben.

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